Neusser Brauchtum (Fortsetzung)

St. Quirinus Stadtpatron

Wie die Legende berichtet, soll die Neusser Äbtissin Gepa die Gebeine eines hl. Quirinus Märtyrers im Jahre 1050 von Rom nach Neuss gebracht haben. Nach der, wie die jüngst erschienenen Ausführungen von Matthias Zender über die Verehrung des hl. Quirinus in Kirche und Volk darlegen, historisch nicht haltbaren Legende war dieser Quirinus unter dem römischen Kaiser Hadrian (119—130) als Tribun mit der Bewachung gefangener Christen beauftragt. Unter den Gefangenen befand sich auch der Papst Alexander, der die Tochter des Quirinus, Balbina, die an Halsfisteln und einem Kröpf litt, von ihrer Krankheit heilte. Darauf, so will es die Überlieferung, habe sich Quirinus mit seiner Tochter zum Christentum bekehrt, wofür sie dann den Märtyrertod erlitten.

Alle Anliegen, derentwegen die Gläubigen den hl. Quirinus als Patron anriefen, beziehen sich auf sein Martyrium oder auf die Krankheit seiner Tochter. Im gesamten Rheinland, selbst in Belgien, Nordfrankreich und in den Niederlanden, verbreitete sich sein Kult. Er galt als Helfer bei Geschwulst- und Halskrankheiten, als Schutzpatron der Pferde und des Rindviehs. Auch in Fällen von Gicht und Rheuma, Augen- und Ohrenleiden, Zahnschmerzen und Husten, überhaupt bei Kopfleiden und bei Krämpfen und Fallsucht rief man seine Hilfe an. Von allenthalben kamen die Wallfahrer nach Neuss, wo sie Wasser des Quirinusbrunnens tranken, das ihnen die Stiftsdamen in einer silbernen Schale, dem „Quirinuskopp", reichten. Wierstraat spricht davon in seiner Reimchronik:
„Gewalt'ger Marschall Sankt Quirein, du bist der Herr, und wir sind dein, schenk uns des Friedens süßen Wein, aus deinem Napf, o Edelstein!"

Noch bis ins 20. Jahrhundert bewahrte man in Neusser Familien eine Flasche mit Quirinuswasser auf, das bei Krankheiten innerlich und äußerlich angewandt wurde. Bis heute blieb es Neusser Brauch, am Sonntag nach dem Quirinusfest, am 30. April — dieser Tag gilt als Translationstag —, den Reliquienschrein des Stadtpatrons um das Münster zu tragen. Dabei haben die Alexianerbrüder das alte Privileg, den Schrein tragen zu dürfen. Eine besondere Bedeutung erhielt der Bittgang im Burgundischen Krieg, in dem die Bürger den Schrein zu den Trümmern des Rheintores geleiteten. Für den Fall ihrer Rettung gelobten sie, das Stadttor nach dem Marschall Quirinus zu benennen. Dieses Versprechen wurde aber später nicht gehalten.

Kurz nach dem Quirinusfest des Jahres 1585 begann der politische und wirtschaftliche Niedergang der Stadt. Denn in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai überrumpelten truchsessische Truppen unter Führung des Grafen Adolf von Neuenahr und Moers die Stadt und konnten sie über ein Jahr in ihrer Gewalt halten. Bei diesem Überfall zertrümmerten die beutegierigen Soldaten den Quirinusschrein.

Einige historische Quellen berichten sogar, dass sie die Reliquien verbrannt hätten. Dem steht eine 1598 von dem Kölner Offizial beglaubigte eidesstattliche Erklärung gegenüber, nach der der Neusser Bürger Heinrich Fischer Teile der Quirinusreliquien, die von den plündernden Soldaten verstreut worden seien, eingesammelt und in seinem Haus aufbewahrt habe. Ihre Echtheit habe sich beim großen Stadtbrand von 1586 erwiesen, als nämlich sein Haus als einziges im gesamten Umkreis nicht vom Feuer vernichtet worden sei. Das Andenken an diesen Mann bewahrt die Fischerstraße in der Nordstadt.

Die Äbtissin Elisabeth von Dobbe ließ den Holzkasten, in dem man die Reliquienreste zunächst geborgen hatte, 1597 zu einem kleinen Schrein umarbeiten, der mit kleinen Figuren geschmückt war. Die Figuren der Giebelseiten stellten Christus und die Gottesmutter dar, während die vordere Längsseite Quirinus vorbehalten blieb. Die Rückwand blieb frei. Von den zwölf Aposteln erhielten je zwei neben Christus und der Gottesmutter ihren Platz, je vier zu beiden Seiten des Quirinus. Dieser Schrein von 1597 wurde in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem Neusser Goldschmied Schwann ausgebessert und 1959 durch die Vereinigung der Heimatfreunde restauriert. Für die Quirinusprozession ist er bis 1900 benutzt worden.

Denn in jenem Jubiläumsjahr wurde durch Stiftungen der Neusser Bürger ein neuer Schrein durch den Aachener Goldschmied B. Witte angefertigt, der die Hauptfiguren des alten Schreins beibehielt und dazu Antonius, Cornelius, Hubertus, Matthias, Jakobus, Nikolaus, Anna, Josef Balbina, Papst Leo IX., Papst Alexander und dessen Mitgefangenen Hermes abbildete. Neben dem Neusser Quirinus gibt es noch drei andere Heilige mit diesem Namen. Überall dort, wo der Quirinus von Neuss dargestellt ist auf Altarbildern, Bildstöcken, auf Münzen oder auf dem Stadtsiegel von Neuss, auf Pilgerzeichen, Fahnen und sogar dem Holzmodel, mit dem bis vor kurzem noch die Quirinusplätzchen gebacken wurden, erscheint er als römischer Tribun oder als mittelalterlicher Ritter in voller Rüstung. Sein unverwechselbares Kennzeichen sind neun große Punkte auf dem Schild, dem Fähnlein oder auf beidem zugleich. Diese neun goldenen Punkte auf rotem Feld, die verschieden gedeutet wurden, bilden das Wappen des Neusser Quirinusstiftes und seit dem Jubiläumsjahr 1950 zieren sie, zusammen mit dem Stadtwappen, die rotweißen Neusser Fahnen.

Am 7. Dezember 1868 zerbrach ein Blitz den rechten Arm der Figur des Stadtpatrons, der hoch oben auf der Münsterkuppel steht. Quirinus ließ seine Fahne zwar sinken, aber fallen ließ er sie nicht. In größte Bedrängnis geriet er, als am 5. Januar 1944 eine Fliegerbombe den Turm unterhalb der Kuppel durchschlug, doch der Stadtpatron blieb stehen. So blickt er auch nach der Restaurierung, den Rücken nach Düsseldorf gekehrt, mit väterlicher Güte auf seine Stadt hinab.


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