Erstaunliche Forschungsergebnisse

Krähen und der Tod – was ihre „Beerdigungen“ verraten
Krähen versammeln sich oft um tote Artgenossen – ein Verhalten, das Forscher als gemeinsames Lernen und Warnsystem deuten.


Krähen und der Tod

Eine Krähe in Trauer Foto: Getty Images


Erstaunliche Forschungsergebnisse

Krähen, Raben und Elstern zeigen viele faszinierende Verhaltensweisen. So zum Beispiel, wenn ein Artgenosse stirbt. Dann sieht man die Vögel laut rufend in Bäumen sitzen.

Immer wieder fliegen sie dann zum Körper hinab und beobachten ihn mitunter minutenlang. Halten sie also „Beerdigungen“ ab?

Was die Forschung dazu und zu der Frage, was diese „Beerdigungen“ über das Denken von Rabenvögeln verraten, sagt.

Rabenvögel sind hochintelligent und sozial.
Wer einmal erlebt hat, wie sich Krähen oder Raben um einen toten Artgenossen scharen, vergisst diese Szene nicht so schnell.

Die Vögel wirken wachsam, aufgeregt oder angespannt, manche stoßen Alarmrufe aus, andere sitzen still, als würden sie den Körper regelrecht mustern.

Seit Jahren wird diskutiert, ob es sich dabei um etwas Ähnliches wie Trauer handeln könnte. Doch aus wissenschaftlicher Sicht ist das Verhalten anders zu verstehen.

Rabenvögel gehören zu den intelligentesten Vögeln der Welt. Sie erkennen einander als Individuen, erinnern sich an soziale Beziehungen und nutzen flexible Strategien, um in komplexen Gruppenstrukturen zurechtzukommen.

Viele ihrer Verhaltensweisen beruhen auf sozialem Lernen: Sie beobachten, wie Artgenossen auf Bedrohungen reagieren, merken sich potenzielle Risiken und passen ihr eigenes Verhalten daran an.

Forscher vermuten heute, dass das Zusammenkommen nach dem Tod eines Artgenossen weniger mit Trauer im menschlichen Sinne zu tun hat, sondern vor allem mit Informationsverarbeitung.

Denn ein toter Vogel kann auf eine potenzielle Gefahr für die ganze Gruppe hinweisen, wenn er durch einen Feind, einen Verkehrsunfall, ein Gift oder eine andere Bedrohung umgekommen ist.

Kurz gesagt:
Der Tod eines Artgenossen kann also ein Hinweis darauf sein, dass hier etwas passiert ist, das die Gruppe verstehen muss, um zu überleben.

Wie laufen Krähen-Beerdigungen ab?
Das Verhalten ist beim Tod eines Artgenossen keineswegs immer gleich. Manchmal versammeln sich nur wenige Vögel, manchmal Dutzende.

Manche rufen laut, andere bleiben still. Einige Vögel fliegen schnell weiter, andere bleiben länger.

Die Forschung deutet darauf hin, dass diese Reaktionen eng mit sozialen Beziehungen, Erfahrungsstand und Gruppendynamik zusammenhängen.

Jungvögel orientieren sich stärker an älteren Tieren – erfahrene Krähen können Situationen schneller einschätzen und ruhiger reagieren.

Die Versammlung dient also auch der Abstimmung innerhalb der Gruppe – nicht alle Vögel haben dieselben Informationen und nicht alle ziehen dieselben Schlüsse aus dem Ereignis.

Für Menschen kann ein solches Verhalten wie ein Ritual oder eine Zeremonie wirken.

Das liegt aber vor allem daran, dass wir das Beobachtete mit menschlichen Kategorien deuten. Forscher betonen, dass Rabenvögel zwar sehr sozial und lernfähig sind, aber keine Hinweise darauf bestehen, dass sie „trauern“ wie Menschen.

Was wir sehen, ist also vielmehr eine Mischung aus Neugier, Vorsicht und gemeinsamem Lernen. Das Verhalten wirkt zeremoniell, weil es sich wiederholt und mehrere Vögel es gleichzeitig zeigen.

Doch die dahinterliegende Funktion ist pragmatisch: Gefahr einschätzen, Informationen teilen, die Gruppe schützen.

Informationsweitergabe und gemeinsames Lernen.
Dass Rabenvögel bei Bedrohungen schnell und dauerhaft lernen können, belegen mehrere Studien. Krähen merken sich etwa Gesichter von Menschen, die ihnen gefährlich wurden, und unterscheiden sie noch Jahre später von harmlosen Personen.

Ein Hinweis darauf, wie wichtig die Informationsweitergabe für die Tiere ist.

Hinzu kommt die komplexe Kommunikation der Tiere.
Rabenvögel verfügen über eine vielfältige Lautsprache, mit deren Hilfe sie Informationen weitergeben: Warnrufe, Kontaktlaute, aggressive Rufe oder Signale der Unsicherheit.

Wenn mehrere Krähen bei einem toten Tier rufen, können sie damit nicht nur die Gruppe alarmieren, sondern auch signalisieren, dass eine Untersuchung des Ortes notwendig ist.

Auch Stille kann ein Signal sein und als Vorsicht aufgrund von Unklarheit gedeutet werden. Studien zeigen, dass Krähen, wenn sie eine Gefahr nachträglich erkennen, oft dieselben Reaktionen zeigen wie bei unmittelbaren Gefahren:

Sie warnen einander, rufen laut oder zeigen Mobbingverhalten gegen mögliche Feinde.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Krähen „trauern“ nicht um ihre Toten, aber sie nutzen den Moment, um zu verstehen, was passiert ist.

Ihre Versammlungen eröffnen uns also einen Blick darauf, wie Rabenvögel die Welt wahrnehmen, nämlich sehr aufmerksam und erstaunlich reflektiert.

Schließlich können nur Tiere mit differenzierter sozialer Kognition überhaupt aus dem Tod eines Artgenossen lernen.


Quelle: PETBOOK Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber


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